Israels haredische Bevölkerung wächst, während die Erwerbsbeteiligung und die Beteiligung am Militärdienst unter haredischen Männern vergleichsweise gering bleiben. Die daraus entstehende Debatte betrifft Schulen, Arbeitsanreize, öffentliche Ausgaben, Reservistendienst und die Steuerbasis. Sie ist kein Urteil über den Wert des Torastudiums oder die Würde haredischer Familien. Die Bank of Israel, die OECD und israelische Politikforschungsinstitute behandeln sie als Frage langfristiger staatlicher Handlungsfähigkeit.
Was die Zahlen zeigen
Ein Papier der Bank of Israel zum Wehrdienst vom Dezember 2025 erklärte, der haredische Anteil an Israels Bevölkerung sei von wenigen Prozent auf mehr als zehn Prozent gestiegen. Die Altersstruktur deutet für die kommenden Jahrzehnte auf einen wesentlich größeren Anteil hin.1
Die Veröffentlichung des Israel Democracy Institute von 2024 beschrieb eine schnell wachsende Gemeinschaft. Sie zeigte zugleich stockende Fortschritte in zwei Bereichen, die für den Staat besonders wichtig sind: Beschäftigung von Männern und Militärdienst. Nach Angaben des IDI lag die Beschäftigungsquote ultraorthodoxer Männer 2024 bei 54 Prozent, nach 55,5 Prozent im Jahr 2023. Die Beschäftigung ultraorthodoxer Frauen blieb bei etwa 80 Prozent und damit nahe am Wert nicht haredischer jüdischer Frauen. Derselben Veröffentlichung zufolge war die Zahl der Jeschiwa- und Kollel-Studenten im vergangenen Jahrzehnt um 83 Prozent gestiegen. Die Einberufung von Haredim war dagegen um 36 Prozent gesunken.2
Die Einkommens- und Armutszahlen fügen sich in dasselbe Bild. Das IDI berichtete, dass 2022 nach Transferleistungen 47 Prozent der ultraorthodoxen Kinder unterhalb der Armutsgrenze lebten. Haredische Haushalte zahlten deutlich weniger Pflichtabgaben als nicht haredische jüdische Haushalte. Ihre Einkommen waren wesentlich niedriger.2
Für Ökonomen ist entscheidend, wie Bevölkerungswachstum mit Schulbildung, Beschäftigung, Haushaltseinkommen und Steuerbasis zusammenwirkt.
Warum öffentliche Institutionen dies als strategische Frage behandeln
Der Jahresbericht 2025 der Bank of Israel bezeichnete die geringe Arbeitsproduktivität als langfristige strukturelle Herausforderung. Er forderte eine höhere Erwerbsbeteiligung arabischer Frauen und haredischer Männer sowie stärkere Investitionen in Humankapital. Die Zentralbank betrachtet haredische Beschäftigung somit als gesamtwirtschaftliche Frage.3
In einem Papier zum Wehrdienst vom Dezember 2025 schätzte die Bank, eine umfassende Einberufung von Haredim könne die Abhängigkeit von Reservisten verringern und die jährliche gesamtwirtschaftliche Belastung in ihrem Modellszenario um mindestens 9 Milliarden NIS, etwa 0,4 Prozent des BIP, senken. Die Analyse verband die Aufteilung der militärischen Last mit Beschäftigung und Arbeitsanreizen.1
Der Wirtschaftsbericht der OECD von 2023 formulierte denselben Befund zurückhaltender. Die Erwerbsbeteiligung haredischer Männer ist sehr niedrig. Die OECD forderte Änderungen bei Zuschüssen für Kinderbetreuung und Jeschiwa-Studierende sowie bei den Regeln für Ausnahmen vom Wehrdienst, um negative Arbeitsanreize abzubauen.4
Politische Entscheidungen statt kollektiver Schuldzuweisung
Die fiskalische und institutionelle Herausforderung ist real: Eine große und schnell wachsende Bevölkerung weist eine vergleichsweise geringe Beschäftigung von Männern, begrenzte Beteiligung am Militärdienst und eine erhebliche Abhängigkeit von Transferleistungen im Zusammenhang mit Nichterwerbstätigkeit auf. Mit wachsendem Bevölkerungsanteil gewinnen diese Muster an Bedeutung.
Die Gemeinschaft darf nicht auf diese Kennzahlen reduziert werden. Die Beschäftigung haredischer Frauen liegt deutlich höher als die der Männer, und die haredische Gesellschaft ist nicht einheitlich. Haredische Lehrkräfte, Arbeitgeber und Familien gehören zu denen, die bessere wirtschaftliche Chancen suchen, ohne ihre religiöse Identität aufzugeben.
Die stärksten Quellen konzentrieren sich daher auf die Ausgestaltung politischer Maßnahmen: Schulbildung, Arbeitsanreize, Dienstregeln und Zugang zu Beschäftigung.
Fazit
Israels gegenwärtiges politisches Maßnahmengefüge wird gemessen an Beschäftigung, öffentlichen Finanzen und der Verteilung militärischer Lasten zunehmend schwerer aufrechtzuerhalten. Diese Schlussfolgerung stammt von der Zentralbank des Landes, der OECD und etablierten israelischen Forschern. Sie spricht für eine Veränderung von Institutionen und Anreizen, nicht für die Schuldzuweisung an haredische Menschen.
Quellen
Footnotes
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Bank of Israel, „The Bank of Israel’s response to the Conscription Law and the economic cost of non-enlistment of Haredi men in the IDF“, 10. Dezember 2025, boi.org.il. ↩ ↩2
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Israel Democracy Institute, „The Israel Democracy Institute Releases its 2024 Statistical Report on Ultra-Orthodox Society“, 19. Februar 2025, en.idi.org.il. ↩ ↩2
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Bank of Israel, Bank of Israel Annual Report 2025, insbesondere das Schreiben des Gouverneurs zu strukturellen Herausforderungen und Erwerbsbeteiligung, boi.org.il. ↩